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Corona – Krise ohne Ende?

18. Januar 2022

Mitte März jährt sich zum zweiten Mal der Beginn der Corona-Krise in Deutschland. „Erst zwei Jahre?“ wird sich mancher fragen, denn es fühlt sich viel länger an. Das liegt gewiss daran, dass diese Krise eine ständiges Hin und Her ist, mit immer neuen Anläufen der Lösung, die dann wieder als ungenügend verworfen werden. Eine unendliche, hoffnungslose Baustelle. Wie war es noch am Anfang? Die Fotographien von Bettina Hagen (Tichy Einblick 5/2020) zeigen die verwaisten Straßen in Hamburg. Der erste Lock-Down. Eine gespenstische Öde. Damals konnte man die reale Gefährlichkeit des Virus nicht einschätzen. Man konnte nicht ausschließen, dass es ein hochansteckendes, tödliches Virus war, vergleichbar mit dem Ebola-Virus. Drohte eine neue Pest? Es war verständlich, dass diese Situation große Befürchtungen auslöste. Die Bereitschaft, extreme Schutzmaßnahmen zu ertragen, war groß. Das italienische „Bergamo“ mit seinen überfüllten Krankenhäusern, in denen vielfach vergeblich um das Leben von Menschen gekämpft wurde, und der Abtransport der Toten auf Lastwagen – diese Bilder waren in unseren Köpfen.
Was ist seitdem geschehen? In dem ganzen Gewirr von Ereignissen, Maßnahmen und Erfahrungen kann man zwei große Linien erkennen: Zum einen hat sich das Virus als weniger gefährlich erwiesen, als am Anfang befürchtet wurde. Zum anderen wurden aber die Schutzmaßnahmen nicht im gleichen Maßstab zurückgefahren. Die Corona-Gefahr wurde nicht wieder in die Normalität des Lebens eingefügt. Bis heute finden Wirtschaft, Staat und Kultur, das öffentliche Leben und das menschliche Miteinander nicht zurück zu ihrer Eigenständigkeit und freien Entfaltung. Und auch das Sprechen über Corona findet nicht – trotz des Wissens um die begrenzte Gefährlichkeit des Virus und trotz der Entwicklung gefahrensenkender Impfstoffe – heraus aus der Extrem-Sprache der ersten Wochen. Immer noch werden aus Einzelphänomenen gewaltige „Wellen“ konstruiert, die das ganze Land zu verschlingen drohen. So ist unser Land in ein Corona-Abwehr-Lager verwandelt worden. Wohlstand, Schönheit, Großzügigkeit und Eigeninitiative wurden geopfert. Einige wenige „Experten“ geben nun schon zwei Jahre lang – man mag es kaum glauben – den Takt des ganzen Landes vor.

Das Zusammenschrumpfen des Landes

Eine kleine Liste der Schlagzeilen auf dem Titelblatt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zwischen dem 1.12.2021 und dem 15.1.2022 kann dies Schrumpfen des Landes verdeutlichen. Aufgelistet sind Tage, an denen die Hauptschlagzeile der FAZ als seriöser „Zeitung für Deutschland“ dem Corona-Thema gewidmet war:
1.12.2021 – „Einigung auf allgemeine Impfpflicht“
4.12.2021 – „Spahn: Trauriger Höhepunkt der Pandemie an Weihnachten“
8.12.2021 – „Scholz: Die Gesellschaft ist nicht gespalten“
10.12.2021 – „Scholz: Notfalls kurzfristig Einschränkungen zu Weihnachten“
11.12.2021 – „Mitarbeiter in Pflegeheimen müssen bis 15. März geimpft sein“
15.12.2021 – „Impfstoffmangel gefährdet Booster-Kampagne“
17.12.2021 – „Lauterbach will Kampagne für Auffrischimpfungen beschleunigen“
20.12.2021 – „Lauterbach: Kein harter Lockdown vor Weihnachten“
21.12.2021 – „Kontaktbeschränkungen für Geimpfte vor Sylvester geplant“
22.12.2021 – „Scholz bittet Bürger um weniger Kontakte an Weihnachten“
23.12.2021 – „Lauterbach verspricht für Januar 30 Millionen Impfungen“
24.12.2021 – „Steinmeier dankt der stillen Mehrheit´ für Impfbereitschaft“
27.12.2021 – „Regierung strebt Impfquote von 80 Prozent bis Ende Januar an“
28.12.2021 – „Buschmann spricht sich gegen Aufbau eines Impfregisters aus“
29.12.2021 – „Behinderte Menschen müssen bei Triage besser geschützt werden“
30.12.2021 – „Lauterbach: Inzidenz zwei- bis dreimal höher als ausgewiesen“
31.21.2021 – „Olaf Scholz: Misstrauen gegen Impfungen aufgeben“
3.1.2022 – „Drosten: Für Ungeimpfte über 60 wird esrichtig gefährlich´“
4.1.2022 – „Lauterbach kündigt neue Quarantäne-Regeln an“
6.1.2022 – „Gesundheitsminister wollen Quarantänezeit verkürzen“
8.1.2022 – „Quarantäne entfällt für geboosterte Kontaktpersonen“
11.1.2022 – „CDU will im Bundestag keinen Antrag zur Impfpflicht vorlegen“
13.1.2022 – „Scholz will `unbürokratische´ Impfpflicht für alle Erwachsenen“
14.1.2022 – „Lauterbach: Nur mit Impfpflicht ist Belagerungszustand zu beenden“

Monotonie und Verdrängung

Die Liste dokumentiert eine erschreckende Eindimensionalität: An mehr als der Hälfte der Werktage war „Corona“ das dominierende Thema. Und nicht nur ein Thema: Die Monotonie der Appell-Überschriften, das Beschwören des Landes durch einzelne Politiker, zeigt die extrem einseitige Formierung der Öffentlichkeit. Vergleichbares gab es wohl nur in Weltkriegszeiten. Aber es ist nicht Weltkrieg. Die berechtigte fundamentale Unsicherheit der ersten Wochen hat sich erledigt. Wir wissen eigentlich, dass wir nur ein begrenztes Problem haben. Wir brauchen keine Umstellung auf eine Kriegswirtschaft, keine Ausrichtung der gesamten staatlichen Infrastruktur auf Verteidigungszwecke, keine Zensur der öffentlichen Meinung.
Aber die Schlagzeilen belegen, dass das Land einfach nicht in seinen Normalbetrieb zurückfindet. Genauer gesagt: Das wird nicht zugelassen. Es herrscht immer noch eine Rhetorik des Ausnahmezustands. Die Schlagzeilen sind ein Zeitdokument: die Reduktion des Landes auf ein einziges Thema. Eine große Gesundheits-Angst verdrängt alle anderen Aufgaben, die sich im Normalbetrieb des Landes inzwischen angehäuft haben. Sie verhindert, dass sich Deutschland rational mit der Inflation auseinandersetzt, mit der Energieknappheit, mit dem zunehmenden Druck auf den Wohnungsmärkten und Verkehrssystemen, mit den Leistungsproblemen im Bildungswesen, mit den Nachwuchsproblemen in der Berufswelt, mit der Fragilität unserer außenpolitischen und außenwirtschaftlichen Aufstellung. Und auf diese Weise wird der rapide angewachsene Schuldenberg verdrängt, der die Zukunft des Landes belastet.
An diesen Fronten fehlt es wahrlich nicht an Ereignissen – doch wo sind sie in den vergangenen Monaten eine Schlagzeile wert gewesen? So ist auch dort, wo es um den Umgang mit Corona geht, nur von der Betroffenheit der einzelnen Menschen die Rede. Der Existenzkampf von Unternehmen und ganzen Branchen, der Ausfall ganzer Jahre regulären Schulunterrichts, das Ausbluten der Kultureinrichtungen und des Vereinswesens – also alles, was den Strukturbestand eines modernen Landes betrifft – findet auf den Titelblättern unserer Leitmedien keinen Platz. Natürlich haben sich Vertreter von Unternehmen, Infrastrukturen und Kultureinrichtungen unzählige Male geäußert – aber niemals wird ihren Aussagen der gleiche Rang wie den Vertretern und Beratern unserer Gesundheits-Regierung eingeräumt.

Der Weg in die Einöde

So ist Deutschland ein eindimensionales Land geworden. Die anfangs schwer einschätzbare Bedrohung hat sich längst relativiert, aber das zieht keine Revision der politischen Entscheidungen und der medialen Wahrnehmung nach sich. Wie ist das möglich? Wie konnte eine solche Schrumpfung des Landes geschehen? Vor allem: Wie ist es möglich, dass die Monotonie so lange aufrechterhalten wird? Eine Antwort wäre: Es gibt in diesem Land beim Thema „Gesundheit“ eine fundamentale Angst, die auch bei begrenzten Anlässen sofort wieder aufflammt. Es herrscht eine Art absolutes Reinheitsgebot in Sachen Gesundheit, das erst erfüllt ist, wenn der Gesundheitsfeind völlig besiegt und definitiv ausgeschaltet ist.
An dieser Erklärung ist sicher etwas dran. Aber dabei wird eine Tatsache übersehen: Deutschland und die Deutschen haben inzwischen eine geschichtlich gebildete und tradierte Erfahrung, dass man mit gravierenden Gefahren für die Gesundheit leben muss und leben kann. Für die Kriegsgenerationen und auch die ersten Nachkriegsgenerationen ist das noch eine eigene Erfahrung. Aber auch spätere Generationen können, wenn sie der neuzeitlichen Geschichte ihres Landes Interesse und Achtung entgegenbringen, viele Beispiele dafür finden, dass diese Geschichte keine Angstgeschichte war, die völlig auf Gefahren und Bedrohungen fixiert war, sondern die mit gravierenden Gefahren und Bedrohungen leben und arbeiten konnte. Es muss also in unserer Gegenwart etwas geben, das uns von diesem nationalgeschichtlichen Erfahrungsschatz entfremdet (und das muss in vielen Ländern der Fall sein).
Und ja, da ist etwas: Es gibt einen verbreiteten Glauben, dass der Krieg gegen den Gesundheitsfeind zu gewinnen wäre. Dass in der Corona-Krise ein absoluter Sieg greifbar nah wäre. Im Namen dieses Glaubens wird erklärt, dass die Festlegung des ganzen Landes auf eine einzige Priorität sinnvoll und geboten sei. Dass deshalb Stilllegungen und Zugangsbeschränkungen sogar ein Zeichen von besonderem „Mut“ seien. Während die Regierenden immer wieder neue lähmende Auflagen für Wirtschaft, Staat und Kultur erfinden, deklarieren sie sich zu einer „Koalition des Aufbruchs“! Das blendet nicht nur die realen Erfahrungen mit der Corona-Krise aus, sondern auch alle geschichtlichen Erfahrungen dieses Landes. Sie kennen keine Vergangenheit mehr, sondern nur noch Zukunft. Diese Zukunft soll alle Siege bereithalten.
Und dies große Endsiegs-Versprechen ist das eigentliche Geheimnis…der Globalisierung. Sie soll auf magische Weise die Ressourcen zum endgültigen Sieg haben, welche die Nationalstaaten nicht hatten. Was für ein naiver Gespenster-Glaube ist da am Werk: Das Handeln muss bloß „global“ sein, um über alle Hemmnisse der Realität erhaben zu sein. Aber mit dieser Naivität löscht die Globalisierung den lebendigen Erfahrungsschatz, den jede Nation in „harten Zeiten“ erworben hat, und der ihr jetzt zeigen könnte, mit welchen Gefahren sie leben kann, ohne sie besiegen zu müssen.

Das Märchen vom „kalten Herz“

Das ist die Lage, in der wir als einzelne Bürger und als Nation – zusammen mit anderen Nationen in ähnlicher Lage – gestellt sind. Es ist viel Verödung und Verlust im Spiel, aber es funktioniert nur, weil ein immenses Sieges- und Heilsversprechen im Raum steht. In mancher Hinsicht erinnert dieser spekulative Tausch von einem greifbaren Leben gegen ein reines Wunschziel an das Märchen vom „kalten Herz“,

Das Siegesversprechen

Der neue Gesundheitsminister zum Amtsantritt (siehe FAZ, 7.12.2021): „Wir werden den Kampf mit der Pandemie gewinnen, und für weitere Pandemien werden wir besser gerüstet sein, als wir es für diese gewesen sind.“
Eben nicht: „Wir“ haben bis jetzt nicht gelernt, uns in der Corona-Pandemie damit zu begnügen, die Gefahr einzuhegen und zu mäßigen. Also hinzunehmen, dass das Land mit diesem Virus auf absehbare Zeit leben muss. Aber solange dies „Wir“ in dieser exemplarischen Krise nicht die Fähigkeit zu einem „kleinen Ziel“ erworben hat, wird sich dies Land auch bei allen weiteren Pandemien wieder in den gleichen hoffnungslosen Kämpfen festfahren.

Die gute Kriegsmüdigkeit

Ein recht großer Teil der Menschen in diesem Lande – Geimpfte und Ungeimpfte – ist mittlerweile schon weiter. Gewiss sind sie sich nicht aller Zusammenhänge bewusst, die in dieser Krise eine Rolle spielen. Das müssen sie auch nicht. Sie sind ganz einfach und mit gutem Recht „kriegsmüde“. Sie sind das endlose mediale Corona-Trommelfeuer leid, die ständig wechselnden Botschaften der Regierenden, das notorische Zurückbleiben der Taten hinter den Worten – die ganze Wichtigtuerei eben. Und hinter diesem Überdruss der Menschen steht die Ahnung, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist.
Vielleicht beschleicht manchen auch noch eine andere böse Ahnung: Wenn die einmütige Siegeszuversicht, mit der in der Corona-Krise ein viel zu hohes Ziel gesetzt wurde, sich nun als irreführend und naiv erweist, muss man da nicht auch bei anderen Krisen Ähnliches befürchten? Weist nicht gerade die ausgerufene „Klima-Katastrophe“ ein ähnliches Muster auf? Hat man sich bei dem folgenreicheren Krieg gegen das CO2 im Namen eines dauerhaft „heilen Klimas“ nicht auch in ein viel zu hohes Ziel verrannt? Und ist die Einmütigkeit, mit der das ganze Land unter das „Klima-Ziel“ gestellt wurde, nicht eher ein schlechtes Vorzeichen?